Aaron

Wer Aileen und das Mondpferd gelesen hat, der wird ihn kennen. Aaron. Der Aaron mit zwei ‚A’s? Herr Pienz! Sie erinnern sich? Der tolle Kerl mit dem hübschen, schwarzen Pelz?

Herr Pienz WelpeTatsächlich war sein Name Aaron, aber in jungen Tagen konnte er das natürlich nicht wissen. Kaum hatte er seine hübschen Äuglein aufgetan, sah er zunächst einmal die ganze Rasselbande, die mehr oder minder zeitgleich mit ihm zur Welt gekommen war.

Das war ein Hundeleben! Blödsinn ohne Ende, Mama ärgern und Menschen foppen! Unser Aaron aber hatte einen Nachteil! Er war derart niedlich, dass fremde Menschen ihn einfach mit zu sich nach Hause nahmen. Das hatte er also nun davon, dass er hübsch, stark, schwarz und aufgeweckt war!

„Hmpf“, dachte sich der kleine Aaron, der zu dieser Zeit noch nicht wusste, dass dies sein Name sein würde, und da sein kleines Selbstbewusstsein das ebenfalls nicht wissen konnte, wimmerte er immer leise vor sich hin. Die beiden Menschen, die ihn aus seinem bisherigen Leben gerissen hatten, waren aber sehr freundlich und liebevoll. Dafür war er ausgesprochen dankbar und versuchte, diese Dankbarkeit auch zu äußern. Nun hatte er aber mal nichts besseres gelernt als Jaulen und Fiepen – komisch, daheim hatte das immer funktioniert – so war also seine Chance auf globale Kommunikation doch etwas begrenzt.

Rettung – so man das so nennen darf – nahte in Form eines formidablen Schäferhundes. Dessen Name war Wotan… ähm, nein! Der arme Kerl hieß laut Papieren doch tatsächlich „Winzent von Arminius“!3MegaCam (Aaron, dem Namen an sich zu dieser Zeit noch Schall und Rauch waren, fand das aber schon sehr putzig.) Formidabel war er trotzdem (der Herr Wotan), und obendrein war er ein schrecklich netter Kerl, der unseren Aaron sofort unter seine Fittiche genommen hätte, wäre er eine Gans gewesen. In Ermangelung diverser Fittiche nahm also Wotan den kleinen Aaron zunächst einmal unter die eine oder andere Pfote. Aaron in all seiner welpigen Unaufmerksamkeit hörte dem guten Wotan aber nur sehr selten richtig zu, und so waren seine Fortschritte im Sprachunterricht doch mehr als mangelhaft. Wotan – in all seiner Weisheit – verlegte sich also auf neue Unterrichtsmethoden und nahm den kleinen Aaron mit zu seinem Lieblingsgort. Da guckte das kleine, stramme Bürschlein aber erst mal sauber dumm aus der Wäsche!

Da waren diese… Wesen… ? Dürrhaxig wie junge Haseln, Rücken wie halbe Bierbänke…. und vornedran dann noch imposante Hälse und tatsächlich Köpfe! Mit Gesichtern! Der kleine Aaron war ganz platt! Diese enorm großen Wesen konnten sogar grinsen! Wotan feixte stille in sich hinein. Da er aber eben ein sehr netter Hund war, sagte er dem kleinen Aaron auch gleich, dass er es hier mit Pferden zu tun hätte. Der kleine schwarze Bursche war darüber sehr glücklich, und er schloss alle Pferde sogleich in sein Herz. Darauf folgte eine glückliche Zeit, die unser schwarzer Held mit seinem Ziehvater, den Pferden und „seinen Damen“ verbringen durfte.

Eines Tages kam dann noch ein sehr quirliges und manchmal auch anstrengendes Hundewesen ins Haus – das war der Boomer – da versuchte sich unser Aaron auch schon ab und an als Ausbilder, und Wotan sah das mit der ihm angeborenen Bescheidenheit. Denn eines hatte der gute, weise Wotan dem kleinen schwarzen Kerlchen nie beibringen können… die Sprache nämlich!DSC00588

Darob war Wotan oft sehr traurig. Nach wie vor klangen Aarons Sprachversuche in den tumben Ohren der Menschen eher wie ein Winseln und Pienzen, da nannten sie ihn fortan eben „Pienz“. Er, Aaron, war sich dieser Schmähung wohl bewusst, doch was half ihm das, da er doch die Sprache der Menschen nicht zu sprechen verstand. So versuchte er es also weiter mit allen Tönen, die seine Stimmbänder erklingen lassen konnten, doch erhört wurde er nicht. Nur Wotan legte ab und an enttäuscht die Ohren an.

Aaron lernte endlich auch „sein“ Pferd kennen, einen schlanken und beweglichen Braunen, mit dem (die Herrin nahmen die beiden aus Höflichkeit immer mit) er immer durch die Wälder jagen konnte. Er jauchzte und kläffte immer fröhlich und sprang herum wie ein junger Esel, wenn er wieder zu „seinem“ Pferd durfte. Die meisten Menschen missverstanden seine Rede, erachteten ihn oft als unerzogen, doch sein behufter Freund und seine Herrin hatten immer Geduld mit ihm. So verbrachte er viele wundervolle Zeiten zusammen mit den beiden. In jener Zeit erkannte er auch einmal mehr seine Vorliebe fürs Wasser, und wo auch immer ein Bach oder eine Pfütze zu finden war – mittendrin lag Aaron! Die Pferde lachten sich oft ein Näschen, doch das erschütterte ihn nicht.DSC01884

Tatsächlich geschah es eines Tages, dass eine fremde Frau so viel Gefallen an ihm fand, dass sie sogar eine kleine Geschichte über ihn schrieb. Nun war die Geschichte sehr kurz und auch nicht besonders gut, er jedenfalls freute sich mächtig darüber, und seine Herrin kaufte ihm sogar ein neues Halsband dafür als Belohnung.

Eines Tages ging es aber unserem Aaron wie vielen anderen rechtschaffenen Bürgern dieser schönen Welt. Ganz plötzlich trat er über die Klippe des Lebens hinweg und befand sich unversehens auf dem Weg in den Himmel. Er war verwirrt und verängstigt und schrie laut um Hilfe, doch niemand schien ihn zu hören. Aber plötzlich tauchte da ein freundliches Gesicht auf – auch wenn es nicht hübsch war. Die Ohren hingen träge herab, die roten Augen trieften, das Maul sabberte… „Och, nöö“, dachte sich da unser Aaron. „Ein Bernhardiner!“ Da musste er grinsen, und schon war es ein wenig besser um seine Laune bestellt.

Der Bernhardiner trug den vielsagenden und treffenden Namen „Bernie“, er stellte sich höflich vor und machte einen Kratzfuß. Damit machte Bernie mächtig Eindruck auf Aaron, und da dieser nicht als ungehobelt gelten wollte, stellte er sich ebenfalls vor und machte auch einen Kratzfuß. Der Bernhardiner schleckte sich kurz die sabberige Schnauze sauber und sagte: „Ich bin Dein persönliches Geleit in den Hundehimmel.“ Da war Aaron ganz baff, denn davon hatte er noch nie gehört. Wohl wusste er, dass es so etwas wie einen Himmel geben mochte… aber einen Hundehimmel? „Folge mir“, sagte Bernie freundlich und schritt tapfer aus. Aaron tat wie geheißen, doch es brannten ihm tausend Fragen auf der Zunge.

„Bernie“, sagte Aaron schließlich und blieb stehen. „Wie ist das so im Hundehimmel?“

Der Bernhardiner verharrte keines Schrittes und sagte: „Gutes Essen, hübsche Körbchen, nette Spielkameraden.“ Da er nicht innegehalten hatte, war er schon ein ordentliches Stückchen voraus.

„Keine Miezekatzen, die man foppen kann?“, fragte Aaron, und er musste sehr laut rufen, da der Bernhardiner schon einen solch großen Vorsprung hatte.

„Nein!“, kam die Antwort.

„Keine Mäuse, die man erschrecken kann?“, fragte Aaron weiter.

Bernie hielt inne, hockte sich hin und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er.

„Menschen“, hoffte Aaron, „die man um die Pfote wickeln kann?“

„Nein“, sagte Bernie.

„Pferde“, sagte Aaron doch recht hoffnungsfroh.

„Nein“, war die Antwort des Bernhardiners.

Aaron hockte sich auf sein hübsches Hinterteil und legte seine gefächerte Rute sorgsam um die Vorderläufe. „Dann will ich da nicht hin“, sagte er nach wenigen Minuten des Nachdenkens. „Das ist mir zu langweilig.“

Der Bernhardiner seufzte tief. „Hach, lieber Freund“, sprach er dann, „du musst da in den Hundehimmel. Du bist ein guter Hund. Alle guten Hunde kommen in den Hundehimmel.“

„Und wenn ich nun kein guter Hund wäre?“, fragte Aaron und witterte eine Chance.

„Dann kämest Du ins Wartezimmer mit allen andern Tieren“, antwortete Bernie.

Aaron hechelte aufgeregt. „Das ist prima!“, rief er aus. „Ich kneife dich kurz ins Ohr, dann bin ich kein guter Hund mehr, und du musst mich im Wartezimmer absetzen….“

Bernie seufzte tief. Dann richtete er sich auf, doch sein Blick war von Müdigkeit gezeichnet. „Halt einfach die Klappe und folge mir“, sagte er schließlich und trabte voran. „Ich mag mich nicht ins Ohr beißen lassen, aber deinen Himmelsfrieden will ich dir besorgen. Geh diesen Gang entlang und da vorne nach rechts.“

Aaron war ganz aufgeregt. „Hat das Wartezimmer ein Fenster?“, wollte er wissen.

„Von dem aus siehst du die ganze Welt“, nickte Bernie erschöpft und hockte sich nieder.

Der „Gang“ war eigentlich gar kein Gang, Aaron schien er eher wie all die baumbeschatteten Wege, die er früher mit Pferd und Herrin gegangen war. Auch war das „Wartezimmer“ kein Zimmer, es war eine riesige Wiese mit Bäumen aller Art. Ein erschrockenes Eichhörnchen rettete sich in einen Haselbusch, und Aaron grinste. Jenseits der Wiese versteckten sich zwei Katzen. Ein Mäuslein stolperte über seine Pfote und beschwerte sich lautstark. Aaron grinste etwas breiter.

Doch da! Da hinten! War da nicht ein bekanntes Gesicht? Huschte da nicht ein… Schäferhund…?

Aaron war ganz beglückt und hastete zu Bernie zurück. Er drückte dem Bernhardiner einen dicken Kuss ins linke Ohr. „Du bist ein guter Hund“, sagte er voller Überzeugung. Dann stutzte er und frage: „Warum bist Du als guter Hund eigentlich nicht im Hundehimmel?“

Bernie grinste spärlich und sagte: „Zu langweilig!“

 

In memoriam Aaron – dem besten „Herrn Pienz“, dem Aileen und das Mondpferd je hatten begegnen können