DSC_0007„Nee, ne!“ hauchte Aileen, und das Mondpferd stand nur da und starrte.

„Es hat eine Mütze auf“, wisperte Aileen und verschluckte sich fast.

„Und es ist schneeweiß“, wisperte das Mondpferd zurück.

„Hast Du den Schal gesehen?“ Aileens Wispern war kaum hörbar… nur für Mondpferdeohren gerade noch wahrnehmbar.

„Rot“, atmete das Mondpferd zurück, „wie die Mütze….“

„Unfassbar“, gab Aileen von sich, ohne dass selbst das Mondpferd es hätte hören können.

„Das ist das Weihnachtsmiez“, gab das Mondpferd ebenso unhörbar zurück.

Tatsächlich!

Da drüben stand es. Da drüben auf dem schneebezuckerten Feld.

Tatsächlich!

Schneeweiß war es das kleine Kätzchen, das bei näherem Hinsehen eigentlich eine veritable Katze war. Was der Pracht der roten Mütze und des roten Schals aber keinen Abbruch tat. Sehr hübsch sah das aus.

Ein wenig surreal. Welche Katze bitteschön brauchte denn Mütze und Schal? Selbst hier und jetzt im Winter?

„Das Weihnachtsmiez“, hauchte das Mondpferd andächtig. Fast wäre es auf das gefallen, was ungebildete Menschen beim Pferd gerne als Knie bezeichneten.

Aileen – ganz die alte und Herrin ihrer selbst – hatte zum Glück ihren Sachverstand beisammen und räusperte sich hörbar. „Es gibt keine Weihnachtsmiezen“, sagte sie sehr laut, und irgendwie klang es ein bisschen, als müsste sie sich selbst von dieser Aussage erst noch überzeugen.

Nun fiel das Mondpferd tatsächlich auf das, was ungebildete Menschen beim Pferd gerne als Knie bezeichneten. Nur sehr mühsam rappelte es sich wieder auf. „Bist du verrückt?!“ Das Mondpferd war kaum Herr seiner Beine und noch weniger Herr seiner Stimme.

Die betagte schwarze Stute kannte das Mondpferd nun schon lange genug um zu wissen, dass bestimmte Vorgänge im Hirn des hübschen kleinen Rappen manchmal länger brauchten als bei normal gebauten Pferden. Also atmete sie tief durch – ein und aus – und nochmals ein und aus. „Es gibt keine Weihnachtsmiezen“, sagte sie dann noch einmal und legte sehr viel Wert auf eine klare aber tiefe – und wie sie hoffte – beruhigende Stimme.

Das Mondpferd wäre völlig von den Socken gewesen, wenn Socken im Leben eines Mondpferdes irgendeine Rolle gespielt hätten. Da dem nicht so war, beschränkte sich das Mondpferd darauf, völlig par bleu zu sein, obwohl auch dieser Begriff im Leben eines Mondpferdes nur eine sehr geringfügige Rolle spielte. „Aber da drüben steht es doch!“ insistierte es, und Aileen konzentrierte sich einmal mehr auf ihre Atemübungen.

„Da drüben“, und wieder versuchte Aileen, ihrer Stimme ein warmes und langmütiges Timbre zu verleihen, „steht einfach eine sehr verdutzte Katze mit Mütze und Schal.“

Das Mondpferd stand noch immer auf zittrigen Beinen, und da ihm seine Stimme obendrein weiterhin die Zusammenarbeit verweigerte, hüstelte es: „Eben.“

„Außerdem ist Weihnachten ohnehin nur die Erfindung irgendwelcher Beutelschneider“, sagte Aileen – und ihr fiel zu spät auf, dass diese ihre Aussage das arme Hirn des Mondpferdes noch mehr durcheinander bringen würde. Überraschenderweise reagierte besagtes armes Hirn unglaublich schnell, und Aileen – einmal mehr verblüfft angesichts der Beweglichkeit ihres dicklichen Freundes – steckte den Tritt ins Hinterteil mit der Gelassenheit weg, die ihr hohes Alter ihr ab und an zu gebieten schien.

Das Mondpferd hatte sich nun wieder gefangen und blitzte seine Reisebegleiterin aus kohlschwarzen Augen an. „Überall auf dieser Welt wird Weihnachten gefeiert“, dozierte es nun seinerseits mit diesem langmütigen Unterton. „Alle Welt verziert Bäume und packt Kerzen drauf und Geschenke drunter.“

Ein – aus. Atmen. Aileen war da sehr diszipliniert. Nochmal ….  ein – aus… Sie war ja nun schon ein wenig herumgekommen in der Welt. Auch bevor sie das Mondpferd kennen gelernt hatte.

Weihnachten. Na ja…

Jeder nannte es ein wenig anders … letztlich war es doch nur das Fest, das man in der längsten Nacht des Jahres feierte, weil danach das Licht wieder auf dem Vormarsch sein würde….

Oder? Na ja…

Natürlich kannte sich Aileen nicht so gut mit Menschengebräuchen aus… und mit deren Göttern erst recht nicht.

Auf jeden Fall hatte das alles nichts mit kleinen weißen Katzen zu tun, die mit Schal und Mütze auf einem schneebezuckerten Feld standen. Aber Aileen gab sich Mühe. „Pass‘ auf“, sagte sie daher zu ihrem kleinen knubbeligen Freund. „Weihnachten ist ein Fest der Menschen.“ Sie harrte kurz einer Antwort, die aber nicht kam. „Was sollte denn bitte eine Miezekatze mit Mütze und Schal mit einem Menschenfest zu tun haben?“

Huch!

Das Mondpferd stampfte so heftig auf, dass ein paar der wenigen Schneeflöckchen auf dem Feld einen erschreckten Hopser machten.

„Du bist noch nie auf die Idee gekommen, dass es Weihnachten auch für andere Lebewesen geben könnte?“ fragte es mit so viel Herausforderung in der Stimme, dass es nur so rauschte in Aileens Ohren. „Denk‘ doch mal an Deine Königin! Hat die dir nicht auch zu Weihnachten ein paar besondere Leckerbissen in den Trog gelegt? Haben nicht auch die Hunde bei Hofe immer die besseren Stücke bekommen an Weihnachten?“

Ui.

Aileen war – da sie die Bedeutung dieser Redewendung kannte – ganz von den Socken.

Atmen! Ein – aus. Es klappte leider nicht immer. „Kruzinesn!“ schimpfte sie – völlig bar jeglicher Kenntnis des Wortes, aber es klang so schön – „Dann haben wir also demnächst Weihnachtspferde und Weihnachtswölfe, und was… “ – nochmal ein – aus – „was passiert, wenn die Weihnachtsmiez die Weihnachtsmaus frisst?!?!“

Das Mondpferd war nun – ob Aileens so schlagkräftiger Argumentation – doch tatsächlich von den Socken (und hier möchten wir mal betonen, dass das Mondpferd tatsächlich keine Ahnung hatte von Socken jedweder Art…  auch nicht von denen, die man im fernen Westen an Weihnachten an den Kamin hängt).

„Das wird mir doch nun tatsächlich zu blöd!“ sagte das Mondpferd mit einem unangebrachten Hauch von Unhöflichkeit in der Stimme. „Ich geh‘ jetzt da rüber und frage….“

Aileen wollte noch etwas einwerfen, denn sie konnte sich vorstellen, was diese in Bewegung geratene vierbeinige schwarze Kugel gegebenenfalls in den Augen einer verschreckten Katze anrichten mochte…

Aber da war es schon zu spät.

Das Mondpferd hatte die kleine so drollig gekleidete Mieze schon fast erreicht, und Aileen galoppierte – rein der Schadensbegrenzung wegen – hinterdrein. Sie stemmte alle Viere in den Boden, als sie bemerkte, dass die hübsche weiße Katze ob der Annäherung des Mondpferdes keineswegs verschreckt reagierte.

Nein…

Sie sah eher verärgert aus.

Aileen dachte ganz kurz über Weihnachtsmäuse nach…  und näherte sich zögerlich. Sie hatte nicht verstehen können, was das Mondpferd zu diesem scheinbaren Weihnachtsmiez gesagt hatte. Daher kam die Antwort um so unverhoffter, und Aileen setzte sich vor Schreck (und Lachen) fast aufs Hinterteil…

„Seid ihr bescheuert?“ fragte nämlich die schneeweiße Katze mit den grünen Augen aufgebracht. „Das haben mir die Kinder angezogen, weil ich besser laufen kann als ihre Puppen!“

Spatzen-Tagebuch

20.09.

„Guck mal“, sagt mein Kollege zu mir, und ich beachte ihn gar nicht. Er ist einer von den Wichtigtuern, einer von den Ich-weiß-alles-Typen, die man morgens vor dem Frühstück echt nicht braucht.

„Guck mal!“, sagt aber mein Kollege nochmals und mit viel mehr Vehemenz in der Stimme. Also gucke ich… ihn an. Das macht ihn wütend. „Nicht mich!“, schnauzt er. „Dort!“

Also gucke ich dorthin, und mich trifft fast der Schlag!

„Hä!“, lacht mein Kollege.

„Blaumeisen“, säusele ich, und mir bleibt dabei die Spucke weg.

„Sag‘ ich’s nicht?“, raunt mein Kollege.

„Die Kohlmeisen sind auch schon da“, stelle ich fest, während mich die Ohnmacht schon ummantelt.

 

23.09.

„Rosine“, sagt mein Kollege, bevor er selbige an eine Meise abtreten muss. Alles geht so schnell, dass ich nicht mehr sehen kann, ob es nun eine Kohl- oder Blaumeise gewesen sein könnte.

 

28.09.

„So geht das nicht weiter“, konstatiert unsere Matrone. Damit hat sie recht, aber was sollen wir machen? „Die Meisen haben das Regiment übernommen“, sagt die Matrone. Ganz toll, das wussten wir doch bereits. „Sie sind schnell, sie sind schlau.“ Danke Mama, auch das wussten wir. „Wir werden nach Verstärkung schicken!“ Wow! Das klingt nach einem Plan!

 

01.10.

Die Mannschaft von Cousin Schorschi kommt zuerst. Nun sind wir schon zu zehnt. Aber auch die Meisen haben ein offensichtlich gutes Kommunikationsnetz. Inzwischen sind es drei Blau- und vier Kohlmeisen.

„Sauba de Hoar kampet“, sagt Cousin Schorschi und guckt sich die Peripherie erst mal in aller Ruhe an.

 

03.10.

Die Konferenz, die unsere Matrone in der Weide abhalten wollte, gerät schon aus den Fugen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Dennoch kommt endlich mal einer zur Wort. Wen wundert’s? Cousin Schorschi!

„Ois kaa Probleem“, plustert er sich auf. „Do is a so a Oidi zuazogn, die was oafach ois an Fuada nausschmeisst. Zum Schaaugn, wea do ois daheakimmt, vastääshst?“

„Ja, aber die Konkurrenz?“ widerspricht mein besserwisserischer Kollege.

Der Schorschi guckt ihn schräg an. „Woos a echta Spaatz is, der lässt si ned vunnara Konkureeenz vum Platz treibm!“. Man hört dem Schorschi heute noch an, dass er aus Wien stammt. „Matrona, na sammelst hoid a moi daa Bagaaage zam, no werd des scho!“

 

10.10.

Und „wor’n is“, so würde es zumindest Schorschi ausdrücken. Die „Oide“, von der Cousin Schorschi geredet hatte, füttert uns sehr gut.

Dumm nur, dass auch das Meisenpack seinen Anteil daran erhält.

Doch weitere Unterstützung naht in Form der Frankenbande. Der Geoach ist ein wirklich netter Kerl, und wir heißen ihn und seine Recken im Weidengebüsch herzlich willkommen.

 

12.10.

„Allmechd!“, sagt der Geoach am Morgen und beguckt sich die Blaumeisen. „Die hamman solchn bladdn Hindagobf, dass ma se eigndlich für bleed haldn müssd.“ Ich mag seinen Akzent. „Aba die sin echd vablüffnd schlau, die klaana Safdseggla.“

 

14.10.

Die Hessen kommen! Na, das kann ja heiter werden. Der Schosch (nicht zu verwechseln mit dem Schorschi!) ist einer von der alten Garde. Kampferprobt und zerzaust, aber immer charmant. „Alde“, sagt er zu unserer Matrone und macht einen kleinen Diener, „hier hasde abe oandlisch de Dregg im Schäschdelsche.“

Die haben’s auch nicht so arg mit den harten Konsonanten, stelle ich verblüfft fest.

 

15.10.

Da ist so ein komisches Ding im Garten. Habe es gestern gar nicht mehr gesehen. Drei Beine aus Birkenholz, darauf ein rechteckiges Etwas mit Rietdach in Giebelform. Hmpf. Vogelhäuschen nennen das die Menschen wohl.

Spatz-o-Spatz! Einflugschneise? Nix! Landeplatz? Ungenügend! Das Futter drinnen scheint sehr lecker zu sein… sagt meine Nase!

Jaaaaaaaa, meine Herrschaften! Auch Vögel haben Nasen!!!

Aber der Anflugswinkel…!?!

Mist!

Die Meisen haben es kapiert! Was mache ich falsch?

 

16.10.

Ich krabbel‘ grad so unverzagt am Morgen aus dem Weidengebüsch heraus und gucke ihm direkt ins Auge!

Scheiße!

„Der Eichelhäher ist da!“, schreie ich mit aller Kraft meiner kleinen Seele. Aber ich habe Glück, alle meine Kollegen schreien mit. Doch der bunte Krähenvogel schert sich um uns gar nicht, der fliegt direkt auf’s gut bestückte Vogelhäuschen zu.

„Allmechd“, stöhnt der Geoach, „der Riesengerle bassd da echd nei….“

 

17.10.

Irgendwo am anderen Ende der Welt gibt es Vögel, die heißen wohl Kolibris und können in der Luft stehen. Sagt wenigstens der gebildete Schorschi aus Wien. Im ersten Moment kapiere ich nicht ganz, was das mit dem Eichelhäher zu tun hat, der mittlerweile sogar die Lady seiner Wahl mitbringt. Hat es nicht, erfahre ich sogleich. Es geht um die Einflugschneise. ‚Aha‘, denke ich mir und suhle mich im selbstmitleidigen Bewusstsein, irgendetwas verpasst zu haben.

 

18.10.

Am späten Vormittag habe auch ich es endlich begriffen. Das Vogelhäuserl ist so deppert gebaut, das wir Spatzen es nicht von oben her anfliegen können. Wir sind dafür nicht wendig genug. „Liechd anda Bauaad“, sagt der Geoach, macht es vor und fällt aufs Maul. Ähm… den Schnabel. Ich schaue eine Weile beim Training zu, welches Schorschi und Geoach gemeinsam leiten. Von unten aufsteigen, kurz in der Luft stehen, vorwärts einparken.

 

19.10.

‚Die Meisen sind viel schlauer‘, denke ich mir an diesem Morgen ganz verschlafen. Die hopsen einfach auf eine Plattform geeigneter Höhe und sausen schnurstracks hinein ins Futterparadies. Etwas weniger verschlafen stelle ich dann fest, dass die Meisenknödel, die seit gestern in der Konifere hängen, sowohl von den Eichelhähern als auch von zwei… – hier schlucke ich heftig – … Buntspechten frequentiert werden.

Das ist nun doch zu viel für meine kleine Spatzenseele, und so ziehe ich mich deprimiert ins Weidengebüsch zurück.

 

20.10.

„Ei, guude wie?“, fragt mich der Schosch in aller Herrgottsfrühe, und ich hau‘ ihm eine aufs Maul, bevor er „Wo machsdn hie?“ fragen kann. Da ist er beleidigt. Befriedigt fliege ich einen Meisenknödel an und fahre Karussell. Mir ist schon schlecht, bevor ich den ersten Bissen nehmen kann. Am Knödel oberhalb hängt eine Blaumeise, pickt und frisst fröhlich und dreht sich sanft im Morgenwind. „Des sin Granaadnagrobaadn“, konstatiert der Geoach, der sich auf einem Ast der Konifere das Gefieder putzt. „Solld’ma deene klaane Flachgöbbfle echd ned zudraun.“ Die Blaumeise wirft ihm eine Unverschämtheit an den Kopf und macht sich von dannen.

 

25.10.

Tatsächlich haben alle meine Kollegen begriffen, wie man dieses Vogelhäuschen anfliegen muss. Einige der Jüngeren bilden ganze Geschwader, erobern das Ding und verteidigen es, bis auch der Rest der Meute sich gütlich getan hat. ‚Teamwork‘, würde mein Freund Georgie das nennen, aber den hat leider in jungen Monaten schon eine Katze erwischt.

Ich selber konzentriere mich auf die Knödel und lerne Karussell fahren. Die kleine Blaumeise von neulich sagt doch glatt heute „Schöner Tag, was?“ zu mir. Ich bin baff und plumpse in die Konifere.

 

30.10.

Jetzt haben wir’s im Griff! Manche sind ganz stolz auf ihren Kolibri-Anflug, manche machen es auf Meisenart… manche warten auch einfach unten in der Wiese, bis von oben was runterfällt. Aber WIR haben es im Griff. WIR bestimmen die Futterzeiten. WIR geben den Ton an. Futter gibt es genug. Für uns, für die Meisen, für die Eichelhäher, für die Buntspechte. Selbst Rotkehlchen und Dompfaffe und Rotschwänzchen können wir immer zum Essen einladen.

 

31.10.

„Des wead a gansa heallicha Winda“, sagt der Geoach verträumt in den Sonnenuntergang hinein.

‚Ja‘, träume ich im Geiste mit. ‚Ganz bestimmt!‘

 

 Anne Johann, 2015

Damit allerdings hat die Spatzenbande dann auch nicht gerechnet…

DSC_0003

MRAK_Cover_HomePageNach mehr als 20 Jahren des Kälteschlafes ist sie nun auf diesem Planeten erwacht. Die Geschichte von „Mrakunis Schwert“ wird endlich veröffentlicht.

United.p.c. hat es gewagt, sich meines Herzenswunsches anzunehmen.

Mir selbst erscheint es Äonen her…

Damals sagten mir alle Agenturen und Verlage, „deutscher SciFi sei out“, es sei denn man hätte „Gönner“…

So habe ich sie also in eine Zeitkapsel gesteckt – diese meine Geschichte.

Doch United p.c. hat sie ausgegraben… hat das Raumschiff zum Landen gebracht.

Danke!

Ihre Anne Johann

Highlight_0_6UhrSechs Uhr

Die Welt bestand aus Duft und Schatten.

Das kleine Wesen verstand nicht, was da gerade passiert war. Es war etwas außergewöhnliches, etwas ungeheuerliches, etwas einmaliges passiert. Alles weitere Verstehen lag jenseits der Grenzen des winzigen Bewusstseins.

Und doch war da etwas. Ein Drang. Nach… Luft. Noch kannte das kleine Wesen diesen Begriff nicht, aber ein Funke ganz weit hinten im eigenen Nicht-Bewusstsein sagte ihm, dass es wichtig war. Was? Luft? Das kleine Wesen spürte es, es roch es, es sog es ein. Und was immer es sein mochte, es war gut, es tat gut. Und das kleine Wesen sog Luft ein, verspürte etwas in seinem Inneren… und stob dieses unbekannte Ding wieder aus. Es war gut… dieses Einsaugen und wieder Ausstoßen… und es brachte diesen Duft mit sich. Das kleine Wesen konnte noch nicht genau verstehen, was es da tat, und welche Eindrücke da wirksam waren. Aber es war ein schönes Gefühl… es fühlte sich so… lebendig an. Das, wovon das kleine Wesen später erfahren würde, dass es allgemein als Atmen bezeichnet wurde, verblasste im Bewusstsein, denn offensichtlich funktionierte es auch problemlos, ohne dass man sich sonderlich darauf konzentrieren musste.

Also verlegte das kleine Wesen seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge.

Da war etwas unter ihm. Der Duft. Ja, daher kam dieser Duft. Nun ja, jetzt, da das kleine Wesen etwas mehr Zeit hatte…. es waren so viele Düfte hier.

Hm.

Aber dieses eine Ding, dieser eine Duft….

Aha!

Druck war das, Druck von unten! Das kleine Wesen war ja nicht blöd! Ha! Es lag auf etwas, und dieses Etwas duftete! So! Wieder ein Rätsel gelöst. Es lag also auf etwas Duftendem, und wenn es kleine Bewegungen machte, dann machte dieses duftende Etwas ein Geräusch.

???

Bewegung? Geräusch? Das kleine Wesen war ausgesprochen verwirrt. Es bewegte sich? Es sich selbst?

Ui!

Es hörte? Aber hallo!

Das kleine Wesen war um so mehr verwirrt. Da waren ja… Dinge (?) an ihm dran! Fühlende Dinge, riechende Dinge, hörende Dinge. Sich bewegende Dinge!

Oh je!

Das kleine Wesen war zwar immer noch mehr als nur ausgesprochen verwirrt, aber es wurde langsam auch ein bisschen sauer. Das hätte man ihm ja auch mal etwas früher sagen können, oder?! Wie sollte es denn jetzt all das unter einen… ähm…. ja was denn …. kriegen???!!!

Ein neuer Eindruck drängte sich ins Bewusstsein, bevor das kleine Wesen seinem Ärger richtig Luft machen konnte. Der neue Eindruck war ziemlich groß… nein, er war riesig, und irgendwie und auf unerklärliche Weise füllte dieser neue Eindruck das Bewusstsein des kleinen Wesens komplett aus. Was ja nicht besonders schwierig war, da das Bewusstsein des kleines Wesens noch keine nennenswerten Formen angenommen hatte… Doch bevor das kleine Wesen sich über die Unzulänglichkeit des eigenen Bewusstseins klar zu werden begann, kam seitens dieses riesigen Schattens noch ein anderer Eindruck hinzu. Das große, dunkle, schattenhafte Etwas hatte ein wenig mehr Substanz als erwartet und bewirkte nun wiederum Druck … von oben … in fließenden, freundlichen Bewegungen… Das kleine Wesen empfand dies als ausgesprochen angenehm. „Willkommen auf dieser Welt“, sagte der riesige Schatten über dem kleinen Wesen und übte weiterhin diesen massierenden, angenehmen, rhythmischen Druck aus. Später würde das kleine Wesen erfahren, dass man dies als „Ablecken“ bezeichnete.

Da war plötzlich noch eine andere Erfahrung, die das kleine Wesen machte. Ein merkwürdiges Gefühl…. (?) War es tatsächlich ein Gefühl?

Bald würde man ihm beibringen, dass dieses Gefühl „Hunger“ genannt wurde. Aber für das kleine Wesen bedeutete es zunächst etwas anderes. Es bedeutete nämlich, dass all diese „Dinge“, über die es sich so gewundert hatte, tatsächlich zu etwas taugten und dementsprechend eingesetzt werden mussten.

Diese vier langen wackeligen Stöckchen… huh…ja… man konnte darauf balancieren. Mühsam! Hoppala, mühsam, sehr mühsam, auf dieselben überhaupt hinaufzukommen! Aber dann war es recht lustig. Wackelig, aber lustig! Und dieses Ding, dieses Ding, das immer die Gerüche wahrnahm… Hach! Wenn man es zu schnell herum schwang, fiel man dabei wieder um!!! Und da waren noch die Geräusche! Diese kleinen Dinge da oben, die immer alles auffingen, ob man es wollte oder nicht. Dann musste man sich doch umdrehen, und prompt…. purzelte man wieder dahin, woher man sich grade so schwer aufgerappelt hatte. Von den kleinen Kugeln, die mittlerweile mehr als nur Schatten sahen, wollte das kleine Wesen erst gar nicht reden. Sobald man sie verdrehte, stand die kleine duftende Welt Kopf, und man fiel aufs Maul.

Achja, Maul! Das wenigstens war für etwas gut… Also keine falsche Bescheidenheit an den Tag legen…

Und als das kleine Wesen sich endlich auf diesen seltsam wackeligen Stöckchen so in Position gebracht hatte, das dieses „wenigstens für etwas gute“ Maul die richtige Position hatte, um das, was später als „Hunger“ definiert werden würde zu stillen, da wusste das kleine Wesen, dass seine Welt sehr bald aus mehr bestehen würde als nur aus Duft und Schatten.

Anne Johann, April, 2012

Highlight in memoriam

 

Wer Aileen und das Mondpferd gelesen hat, der wird ihn kennen. Aaron. Der Aaron mit zwei ‚A’s? Herr Pienz! Sie erinnern sich? Der tolle Kerl mit dem hübschen, schwarzen Pelz?

Herr Pienz WelpeTatsächlich war sein Name Aaron, aber in jungen Tagen konnte er das natürlich nicht wissen. Kaum hatte er seine hübschen Äuglein aufgetan, sah er zunächst einmal die ganze Rasselbande, die mehr oder minder zeitgleich mit ihm zur Welt gekommen war.

Das war ein Hundeleben! Blödsinn ohne Ende, Mama ärgern und Menschen foppen! Unser Aaron aber hatte einen Nachteil! Er war derart niedlich, dass fremde Menschen ihn einfach mit zu sich nach Hause nahmen. Das hatte er also nun davon, dass er hübsch, stark, schwarz und aufgeweckt war!

„Hmpf“, dachte sich der kleine Aaron, der zu dieser Zeit noch nicht wusste, dass dies sein Name sein würde, und da sein kleines Selbstbewusstsein das ebenfalls nicht wissen konnte, wimmerte er immer leise vor sich hin. Die beiden Menschen, die ihn aus seinem bisherigen Leben gerissen hatten, waren aber sehr freundlich und liebevoll. Dafür war er ausgesprochen dankbar und versuchte, diese Dankbarkeit auch zu äußern. Nun hatte er aber mal nichts besseres gelernt als Jaulen und Fiepen – komisch, daheim hatte das immer funktioniert – so war also seine Chance auf globale Kommunikation doch etwas begrenzt.

Rettung – so man das so nennen darf – nahte in Form eines formidablen Schäferhundes. Dessen Name war Wotan… ähm, nein! Der arme Kerl hieß laut Papieren doch tatsächlich „Winzent von Arminius“!3MegaCam (Aaron, dem Namen an sich zu dieser Zeit noch Schall und Rauch waren, fand das aber schon sehr putzig.) Formidabel war er trotzdem (der Herr Wotan), und obendrein war er ein schrecklich netter Kerl, der unseren Aaron sofort unter seine Fittiche genommen hätte, wäre er eine Gans gewesen. In Ermangelung diverser Fittiche nahm also Wotan den kleinen Aaron zunächst einmal unter die eine oder andere Pfote. Aaron in all seiner welpigen Unaufmerksamkeit hörte dem guten Wotan aber nur sehr selten richtig zu, und so waren seine Fortschritte im Sprachunterricht doch mehr als mangelhaft. Wotan – in all seiner Weisheit – verlegte sich also auf neue Unterrichtsmethoden und nahm den kleinen Aaron mit zu seinem Lieblingsgort. Da guckte das kleine, stramme Bürschlein aber erst mal sauber dumm aus der Wäsche!

Da waren diese… Wesen… ? Dürrhaxig wie junge Haseln, Rücken wie halbe Bierbänke…. und vornedran dann noch imposante Hälse und tatsächlich Köpfe! Mit Gesichtern! Der kleine Aaron war ganz platt! Diese enorm großen Wesen konnten sogar grinsen! Wotan feixte stille in sich hinein. Da er aber eben ein sehr netter Hund war, sagte er dem kleinen Aaron auch gleich, dass er es hier mit Pferden zu tun hätte. Der kleine schwarze Bursche war darüber sehr glücklich, und er schloss alle Pferde sogleich in sein Herz. Darauf folgte eine glückliche Zeit, die unser schwarzer Held mit seinem Ziehvater, den Pferden und „seinen Damen“ verbringen durfte.

Eines Tages kam dann noch ein sehr quirliges und manchmal auch anstrengendes Hundewesen ins Haus – das war der Boomer – da versuchte sich unser Aaron auch schon ab und an als Ausbilder, und Wotan sah das mit der ihm angeborenen Bescheidenheit. Denn eines hatte der gute, weise Wotan dem kleinen schwarzen Kerlchen nie beibringen können… die Sprache nämlich!DSC00588

Darob war Wotan oft sehr traurig. Nach wie vor klangen Aarons Sprachversuche in den tumben Ohren der Menschen eher wie ein Winseln und Pienzen, da nannten sie ihn fortan eben „Pienz“. Er, Aaron, war sich dieser Schmähung wohl bewusst, doch was half ihm das, da er doch die Sprache der Menschen nicht zu sprechen verstand. So versuchte er es also weiter mit allen Tönen, die seine Stimmbänder erklingen lassen konnten, doch erhört wurde er nicht. Nur Wotan legte ab und an enttäuscht die Ohren an.

Aaron lernte endlich auch „sein“ Pferd kennen, einen schlanken und beweglichen Braunen, mit dem (die Herrin nahmen die beiden aus Höflichkeit immer mit) er immer durch die Wälder jagen konnte. Er jauchzte und kläffte immer fröhlich und sprang herum wie ein junger Esel, wenn er wieder zu „seinem“ Pferd durfte. Die meisten Menschen missverstanden seine Rede, erachteten ihn oft als unerzogen, doch sein behufter Freund und seine Herrin hatten immer Geduld mit ihm. So verbrachte er viele wundervolle Zeiten zusammen mit den beiden. In jener Zeit erkannte er auch einmal mehr seine Vorliebe fürs Wasser, und wo auch immer ein Bach oder eine Pfütze zu finden war – mittendrin lag Aaron! Die Pferde lachten sich oft ein Näschen, doch das erschütterte ihn nicht.DSC01884

Tatsächlich geschah es eines Tages, dass eine fremde Frau so viel Gefallen an ihm fand, dass sie sogar eine kleine Geschichte über ihn schrieb. Nun war die Geschichte sehr kurz und auch nicht besonders gut, er jedenfalls freute sich mächtig darüber, und seine Herrin kaufte ihm sogar ein neues Halsband dafür als Belohnung.

Eines Tages ging es aber unserem Aaron wie vielen anderen rechtschaffenen Bürgern dieser schönen Welt. Ganz plötzlich trat er über die Klippe des Lebens hinweg und befand sich unversehens auf dem Weg in den Himmel. Er war verwirrt und verängstigt und schrie laut um Hilfe, doch niemand schien ihn zu hören. Aber plötzlich tauchte da ein freundliches Gesicht auf – auch wenn es nicht hübsch war. Die Ohren hingen träge herab, die roten Augen trieften, das Maul sabberte… „Och, nöö“, dachte sich da unser Aaron. „Ein Bernhardiner!“ Da musste er grinsen, und schon war es ein wenig besser um seine Laune bestellt.

Der Bernhardiner trug den vielsagenden und treffenden Namen „Bernie“, er stellte sich höflich vor und machte einen Kratzfuß. Damit machte Bernie mächtig Eindruck auf Aaron, und da dieser nicht als ungehobelt gelten wollte, stellte er sich ebenfalls vor und machte auch einen Kratzfuß. Der Bernhardiner schleckte sich kurz die sabberige Schnauze sauber und sagte: „Ich bin Dein persönliches Geleit in den Hundehimmel.“ Da war Aaron ganz baff, denn davon hatte er noch nie gehört. Wohl wusste er, dass es so etwas wie einen Himmel geben mochte… aber einen Hundehimmel? „Folge mir“, sagte Bernie freundlich und schritt tapfer aus. Aaron tat wie geheißen, doch es brannten ihm tausend Fragen auf der Zunge.

„Bernie“, sagte Aaron schließlich und blieb stehen. „Wie ist das so im Hundehimmel?“

Der Bernhardiner verharrte keines Schrittes und sagte: „Gutes Essen, hübsche Körbchen, nette Spielkameraden.“ Da er nicht innegehalten hatte, war er schon ein ordentliches Stückchen voraus.

„Keine Miezekatzen, die man foppen kann?“, fragte Aaron, und er musste sehr laut rufen, da der Bernhardiner schon einen solch großen Vorsprung hatte.

„Nein!“, kam die Antwort.

„Keine Mäuse, die man erschrecken kann?“, fragte Aaron weiter.

Bernie hielt inne, hockte sich hin und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er.

„Menschen“, hoffte Aaron, „die man um die Pfote wickeln kann?“

„Nein“, sagte Bernie.

„Pferde“, sagte Aaron doch recht hoffnungsfroh.

„Nein“, war die Antwort des Bernhardiners.

Aaron hockte sich auf sein hübsches Hinterteil und legte seine gefächerte Rute sorgsam um die Vorderläufe. „Dann will ich da nicht hin“, sagte er nach wenigen Minuten des Nachdenkens. „Das ist mir zu langweilig.“

Der Bernhardiner seufzte tief. „Hach, lieber Freund“, sprach er dann, „du musst da in den Hundehimmel. Du bist ein guter Hund. Alle guten Hunde kommen in den Hundehimmel.“

„Und wenn ich nun kein guter Hund wäre?“, fragte Aaron und witterte eine Chance.

„Dann kämest Du ins Wartezimmer mit allen andern Tieren“, antwortete Bernie.

Aaron hechelte aufgeregt. „Das ist prima!“, rief er aus. „Ich kneife dich kurz ins Ohr, dann bin ich kein guter Hund mehr, und du musst mich im Wartezimmer absetzen….“

Bernie seufzte tief. Dann richtete er sich auf, doch sein Blick war von Müdigkeit gezeichnet. „Halt einfach die Klappe und folge mir“, sagte er schließlich und trabte voran. „Ich mag mich nicht ins Ohr beißen lassen, aber deinen Himmelsfrieden will ich dir besorgen. Geh diesen Gang entlang und da vorne nach rechts.“

Aaron war ganz aufgeregt. „Hat das Wartezimmer ein Fenster?“, wollte er wissen.

„Von dem aus siehst du die ganze Welt“, nickte Bernie erschöpft und hockte sich nieder.

Der „Gang“ war eigentlich gar kein Gang, Aaron schien er eher wie all die baumbeschatteten Wege, die er früher mit Pferd und Herrin gegangen war. Auch war das „Wartezimmer“ kein Zimmer, es war eine riesige Wiese mit Bäumen aller Art. Ein erschrockenes Eichhörnchen rettete sich in einen Haselbusch, und Aaron grinste. Jenseits der Wiese versteckten sich zwei Katzen. Ein Mäuslein stolperte über seine Pfote und beschwerte sich lautstark. Aaron grinste etwas breiter.

Doch da! Da hinten! War da nicht ein bekanntes Gesicht? Huschte da nicht ein… Schäferhund…?

Aaron war ganz beglückt und hastete zu Bernie zurück. Er drückte dem Bernhardiner einen dicken Kuss ins linke Ohr. „Du bist ein guter Hund“, sagte er voller Überzeugung. Dann stutzte er und frage: „Warum bist Du als guter Hund eigentlich nicht im Hundehimmel?“

Bernie grinste spärlich und sagte: „Zu langweilig!“

 

In memoriam Aaron – dem besten „Herrn Pienz“, dem Aileen und das Mondpferd je hatten begegnen können

 

dmis_mädels

Das Mondpferd ist also schuld?

Zugegeben, so einfach darf ich es mir nicht machen. Geschrieben habe ich schon lange, bevor besagtes Pferdchen überhaupt zur Welt gekommen war. Und dennoch ist es schuld, dieses so unschuldige Mondpferd. Doch bleiben wir mal ehrlich! Er, mein Merens namens Maurice, der eigentlich nur Pate stand für das Mondpferd, kann tatsächlich nichts dafür.

dmis_winterpferd

Hm…
Aileen ist schuld! Oh ja! Das ist viel besser!
 Denn tatsächlich entstand die erste Geschichte über Aileen und das Mondpferd nur ihretwegen.

dmis_aileen_mondpferdDa ich aber ordentlich formulierte Schuldzuweisungen nicht ad acta legen will, bleibe ich dabei: das Mondpferd ist schuld.
Ich erkläre Ihnen auch gleich, warum. Wie gesagt, geschrieben habe ich schon immer. Diversen Verlagen geschickt habe ich meine Ergüsse auch. Abgelehnt wurde ich auch immer.
Weil Lyrik grade out ist. Weil sich deutscher SciFi grade nicht verkauft. Oder weil ich mir den Produktionskostenbeitrag nicht leisten konnte.
Kennen Sie dieses Wort?

„PRODUKTIONSKOSTENBEITRAG“. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen! Schreiben Sie selbst? Dann haben Sie vielleicht schon mehr oder weniger rühmliche Erfahrungen gemacht. Manchmal nennt es sich auch Publikationskostenanteil. Dadurch wird es aber nicht besser. Doch ich schweife ab. Das Mondpferd ist also schuld!
Weil es Aileens Herzdame getreten hat, bis diese mir die überschwänglichsten Komplimente machte ob meines Geschreibsels. Weil es meine Mutter getreten hat, bis diese mir den … das böse Wort mit „P“… vorgeschossen hat. Weil es mich getreten hat, bis ich den Mut fand, wieder einmal zig Verlage abzuklappern.
An dieser Stelle möchte ich Marsh&Marsh herzlich danken, weil sie den Mut hatten, sich die Finger zu verbrennen. Und Ihnen danke ich auch ganz herzlich! Weil Sie diese Seite besuchen… und vielleicht den Mut haben, einen nächsten Schritt zu tun…

dmis_schlitzohr

Wer „Aileen und das Mondpferd“ gelesen hat, der weiß, dass Schlitzohr ein Freund des Mondpferdes ist, und dass letzteres ihn gerne als „bajuwarischen Ochsen“ bezeichnet. Und wenn man Schlitzohrs Memoiren gelesen hat, versteht man sicher auch, warum….
Viel Spaß bei dieser kleinen Kostprobe.

„Schwarzbier – Aus dem Leben eines Kaltbluts“

Kapitel 1 – Der Franzose

DAS war ja wohl nicht wahr!

Oh, nein!

DAS war nicht wahr!

Da stand er, dieser kleine knubbelige schwarze Kerl! Und bewunderte sich im Spiegel!

Hallo?

Schlitzohr war völlig außer sich. Endlich seine abendliche kleine Runde in der Halle! Die einzigen dreißig Minuten am Tag, die er jetzt im Winter aus seiner Box durfte. Und dann stand da ein Fremder?!?!

Besagter Fremde zuckte kurz zusammen und machte einen beeindruckenden Hopser, als die Bandentür aufflog und Schlitzohr in die Halle stürmte.

‚Ha!‘ dachte Schlitzohr, doch der Kleine bewies Chuzpe.

„Bonsoir, Monsieur“, sagte der kleine Rappe nämlich, und wenngleich Vorsicht – oder gar Angst – in seiner Stimme schwang, fuhr er fort: „Du bist also der Typ von drüben?“

Schlitzohr war so verdattert, dass er automatisch sagte: „Freilich, und wer bist nocha du?“

Der kleine Fremde hatte sich etwas gefangen – immerhin waren da noch mehr als zwanzig Meter Sicherheitsabstand zu diesem braunen Koloss – und antwortete ordentlich: „Mein Name ist Maurice.“ Er stockte kurz, als er im Gesicht seines Gegenübers keinen Schimmer von Interesse sehen konnte. „Ich bin seit November hier… “

Schlitzohr kommentierte das mit keinem Wort. Draußen an der Bande standen zwei Menschen und beobachteten sie erwartungsvoll. Sein Mensch, und  dann wohl der Mensch des stubsigen Schwarzen.

„Ähm“, fuhr eben dieser etwas nervöser fort, „natürlich sagt hier keiner ‚Maurice‘.“ Er zeigte kurz ein klitzekleines Lächeln. „Alle sprechen es ‚Morris‘.“

Schlitzohr zeigte sich ob der höflichen Vorstellung des Kleinen wenig beeindruckt. „Des is ma fei so wurscht!“ konstatierte er. „Was machstn du grad a jetzt do in meina Hoin?“

Der kleine Rappe legte den Kopf schief und stellte seine Ohren hektisch auf und ab und links und rechts. „Pardon“, sagte er schließlich mit leiser Stimme, „das habe ich nicht ganz verstanden. Ich bin mit dem hiesigen Dialekt noch nicht recht vertraut.“

Schlitzohr machte einen solch mächtigen Schritt in die Halle hinein, dass der kleine Störenfried vor Schreck noch ein paar Schritte zurückwich. Oh weh, irgendwo da hinten würde die Halle aufhören. Dann stünde er mit dem Rücken zur Wand..  nun ja, mit dem Hinterteil…

„Was host g’sagt?“ fragte der große Braune, der eigentlich ganz friedlich und freundlich und… ja fast schon niedlich aussah mit seiner lustigen kleinen Schnippe, die so schief über der Nase saß….  und jetzt, da er wütend den Kopf schüttelte und dadurch seinen Stern auf der Stirn freilegte…

‚Ja‘, dachte sich Maurice, der immer „Morris“ genannt wurde, weil man hier in der Gegend eben kaum Französisch sprach, ‚das ist ein formidabel aussehender Kerl!‘

Der formidabel aussehende Kerl scherte sich ein feuchtes Schweifhaar um die Gedanken seines Gegenübers.

„Woast“, sagte er und machte noch einen Schritt nach vorne, „den Dialekt brauchst a goa ned vasteh ned! Ausm Weg gehstma. Hostmi?“

Der kleine Schwarze ‚hatte‘ natürlich gar nichts. Denn den Dialekt des Braunen verstand er nach wie vor nicht. Aus dem hiesigen Sprachraum kam der Knabe jedenfalls nicht.

Oh je, dachte sich das schwarze Kerlchen, und in seinem Hirn ratterte alles, was er je an menschlicher Sprache aufgeschnappt hatte.

Was in Zusammenhang mit Pferdesprache ja nun nicht gerade hilfreich war!

Er verlegte sich auf sein diplomatisches Geschick, dessen er – so weit er sich erinnern konnte – niemals gerühmt worden war …  aber es war ja nie zu spät, neue Talente zu erkunden.

„P..pp..ppp..pass‘ mal auf“, sagte er und kullerte ganz liebenswürdig mit den Augen, „wir müssen doch keine Feinde sein…“

„Geh weidda!“, schnauzte Schlitzohr. Dies war seine – SEINE – halbe Stunde! Und der depperte Depp machte auf Smalltalk!

„Kann ned“, sagte der Kleine da sehr zu Schlitzohrs Überraschung.“ Steh mim Arsch schon an der Bande… “

Schlitzohr brach in schallendes Gelächter aus. Er tanzte herum, wieherte, bewunderte sich selbst in dem riesigen Spiegel, der die Längsseite der Halle zierte…

Der Kleine war völlig außer sich.

Schlitzohr machte ein paar sehr zielstrebige Schritte auf den so genannten Störenfried zu, schubste ihn sehr unsanft an der Nase an und sagte: „Und was mach‘ ma jetzat?“

Maurice guckte erschrocken – ihn hatte fast der Herzschlag getroffen! Er musste erst ein paar Mal tief ein- und ausatmen. Schließlich hatte er sich gefasst und retournierte den groben Nasenstüber sehr sanft.

„Kulturaustausch“, schlug er vor.

Schlitzohrs Ohren tanzten Samba. „Kulturaustausch?“ fragte er. „I hob koa Ahnung ned, was d‘ jetzt do moanst, probia mas aus?“

Der kleine schwarze Kerl namens Maurice – der aufgrund sprachlicher Unzulänglichkeiten immer Morris gerufen wurde –  war unendlich erleichtert. „Ich zeig’s dir“, sagte er und bewegte sich sicheren Schritts von der Bande weg in Richtung der Hallenmitte. „Komm‘ einfach mit!“

Schlitzohr folgte aufgeregt. „G’herd Aoschbeissa a dazua zu deim ‚Kulturaustausch‘?“ fragte er fröhlich.

Maurice brachte sein Hinterteil mal vorsichtshalber außer Bissweite, obwohl er das Gesagte nicht auf Anhieb verstanden hatte. „Nicht gleich“, sagte er mit dezenter Hektik in der Stimme. „Nicht gleich!“

***

Eines hat Schlitzohr von seinem französischen Freund gelernt: die Freude am Leben!

dmis_schlitzohr_collage

An einem kühlen aber sonnigen Morgen stehe ich im hübsch möblierten Hof des Hotels „Polster“ in Kosbach und genieße meine Frühstückszigarette samt eines wunderbaren Cappuccino. Drinnen wartet ein nicht minder wunderbares Frühstücksbuffet auf mich, und da der gestrige Tag mir heute einen freien Tag schenkt, träume ich von Lachs und Prosecco.
Beschwingt betrete ich den Frühstücksraum, gebe brav meine Tasse ab und bitte um einen weiteren Cappuccino. Mein Prosecco steht auch schon da, also nehme ich mir Zeit für das herrliche Buffet. Ein kleines Vollkornbrötchen, ein wenig Lachs, etwas Meerrettichsahne…
Beladen mit meinen Schätzen balanciere ich hinaus in den Hof. Mein Cappuccino wurde bereits gebracht.
Da steht er! Ganz still steht er da, wie eine kleine Statue wirkt er auf mich.
‚Sportlich‘, denke ich mir und spreche ihn natürlich sofort an.
Ich bin ganz verdattert, denn nicht jeder Kater reagiert spontan auf fremde Menschen. Dieser hier schon. Das hübsche rotgetigerte Wesen bestätigt beim Ohrenkraulen sofort meinen ersten Eindruck. Richtig sportlich ist er. Rank und schlank. Ein hübscher Bursche! Und kommunikativ obendrein. Ich schaue, ob auch ja keiner schaut, und gebe ihm ein Fitzelchen Lachs.
Das findet er prima.
Ich auch.
Dann bekomme ich Gesellschaft. Eine Dame aus Norddeutschland kommt zum Frühstück herunter, und da sie wohl meine Komposition ansprechend findet, nimmt sie sich so etwas auch. Lachs und Prosecco.
Das scheint dem rotgetigerten Kerlchen nicht minder zu gefallen, und er übt sich auch ihr gegenüber in höflichem Parlieren.
Die Dame, die heute den Frühstücksservice managt, guckt uns warnend an. Das ist mir etwas peinlich. Doch meine Frühstücksgesellin aus Norddeutschland ist da weniger genant und fragt nach dem ‚warum‘.
Der ‚Rote‘ ist ein Schnorrer, erfahren wir. Der unverschämtere der ganzen Clique.
Da horchen wir beide auf und nippen – unsere Neugier so verbergen wollend – an unseren Proseccogläsern.
Der Rote ist nämlich gar nicht alleiniger Herr des Hauses. Vier Miezekatzen hat man hier vor dem Ersäufen gerettet. Von den geretteten Hunden ganz zu schweigen.
‚Unfassbar!‘ denken wir. Die Dame vom Buffet, die Dame aus Norddeutschland und auch ich.
„Darüber würde ich gerne mal eine Geschichte schreiben“, plappere ich ganz unbefangen.
„Über die Polster-Bande!“ lacht die Dame aus Norddeutschland ebenfalls ganz unbefangen.
Nicht minder unbefangen hat sich der sportliche, stramme Rote ein Fitzerl Lachs nach dem anderen von uns füttern lassen. Das lief einfach so nebenbei während des Gesprächs.
„Ja“, sage ich dann irgendwann. „Das wäre eine tolle Geschichte.“
Der rote, sportliche Kerl hat sich inzwischen verzupft. Unser Lachs ist alle, da hat er keine Gründe mehr für weitere Höflichkeiten.
Wenn Sie mal im „Polster“ sind, grüßen Sie doch bitte den charmanten Burschen von mir!

Anne Johann, 2015

Kurz vor Weihnachten 2014 hatte ich die wundervolle Möglichkeit, "Aileen und das Mondpferd" in Schulen vorzustellen. Ich möchte mich hierfür nochmals bedanken - bei den Lehrern und ganz besonders den Kindern. Ich hatte ein ganz reizendes, sehr aufmerksames Publikum, und ich freue mich noch heute darüber, dass mir und meinem Büchlein so viel Interesse entgegengebracht wurde. Aus den Lesungen sind einige Bilder entstanden, die ich hiermit vorstellen möchte.

Kurz vor Weihnachten 2014 hatte ich die wundervolle Möglichkeit, „Aileen und das Mondpferd“ in Schulen vorzustellen. Ich möchte mich hierfür nochmals bedanken – bei den Lehrern und ganz besonders den Kindern. Ich hatte ein ganz reizendes, sehr aufmerksames Publikum, und ich freue mich noch heute darüber, dass mir und meinem Büchlein so viel Interesse entgegengebracht wurde. Aus den Lesungen sind einige Bilder entstanden, die ich hiermit vorstellen möchte.

Neulich war ich in Volkach im „Hinterhöfle“. Kennen Sie das? Falls ja, muss ich Ihnen nichts mehr erzählen. Falls nein, muss ich Sie dringend bitten, dort mal einzukehren.
„Ohne Worte“, sag‘ ich Ihnen. Ohne Worte gut!
Die Kids heutzutage schmeißen ja mit superlativierten Superlativen grade so um sich, aber selbst hier suche ich nach Worten fürs „Hinterhöfle“.
Das Ambiente, die Atmosphäre….  einfach nur gut. Besser als gut, besser als besser. Faszinierend und… ja… kuschelig. So dieses „Daheim“-Gefühl mit einem sorgfältig dosierten Schuss Extravaganz.
Der Service! Gibt es ein „Mehr“ für guten Service? Ich meine nicht solche Begriffe wie „exzellent“. „Exzellent“ kann jeder sein, der sich a bissl Mühe gibt. Beim „Hinterhöfle“ kommt diese… Liebenswürdigkeit… ??… ja, das ist wohl das Wort, nach dem ich suche… diese Liebenswürdigkeit hinzu. Ganz unaufdringlich und kaum spürbar fühlte ich mich da in ein sorgsam zurecht gezupftes Wattebäuschlein  gehüllt.
Das Essen? Das Essen! Dafür habe ich tatsächlich grade keine Worte. Für das, was ich da kosten durfte, würde ich einen Mord zwar nur im metaphorischen Sinne begehen, aber über die Entführung des Kochs habe ich ernsthaft nachgedacht.
Besuchen Sie’s mal, das „Hinterhöfle“!

Anne Johann