Das Weihnachtsmiez

DSC_0007„Nee, ne!“ hauchte Aileen, und das Mondpferd stand nur da und starrte.

„Es hat eine Mütze auf“, wisperte Aileen und verschluckte sich fast.

„Und es ist schneeweiß“, wisperte das Mondpferd zurück.

„Hast Du den Schal gesehen?“ Aileens Wispern war kaum hörbar… nur für Mondpferdeohren gerade noch wahrnehmbar.

„Rot“, atmete das Mondpferd zurück, „wie die Mütze….“

„Unfassbar“, gab Aileen von sich, ohne dass selbst das Mondpferd es hätte hören können.

„Das ist das Weihnachtsmiez“, gab das Mondpferd ebenso unhörbar zurück.

Tatsächlich!

Da drüben stand es. Da drüben auf dem schneebezuckerten Feld.

Tatsächlich!

Schneeweiß war es das kleine Kätzchen, das bei näherem Hinsehen eigentlich eine veritable Katze war. Was der Pracht der roten Mütze und des roten Schals aber keinen Abbruch tat. Sehr hübsch sah das aus.

Ein wenig surreal. Welche Katze bitteschön brauchte denn Mütze und Schal? Selbst hier und jetzt im Winter?

„Das Weihnachtsmiez“, hauchte das Mondpferd andächtig. Fast wäre es auf das gefallen, was ungebildete Menschen beim Pferd gerne als Knie bezeichneten.

Aileen – ganz die alte und Herrin ihrer selbst – hatte zum Glück ihren Sachverstand beisammen und räusperte sich hörbar. „Es gibt keine Weihnachtsmiezen“, sagte sie sehr laut, und irgendwie klang es ein bisschen, als müsste sie sich selbst von dieser Aussage erst noch überzeugen.

Nun fiel das Mondpferd tatsächlich auf das, was ungebildete Menschen beim Pferd gerne als Knie bezeichneten. Nur sehr mühsam rappelte es sich wieder auf. „Bist du verrückt?!“ Das Mondpferd war kaum Herr seiner Beine und noch weniger Herr seiner Stimme.

Die betagte schwarze Stute kannte das Mondpferd nun schon lange genug um zu wissen, dass bestimmte Vorgänge im Hirn des hübschen kleinen Rappen manchmal länger brauchten als bei normal gebauten Pferden. Also atmete sie tief durch – ein und aus – und nochmals ein und aus. „Es gibt keine Weihnachtsmiezen“, sagte sie dann noch einmal und legte sehr viel Wert auf eine klare aber tiefe – und wie sie hoffte – beruhigende Stimme.

Das Mondpferd wäre völlig von den Socken gewesen, wenn Socken im Leben eines Mondpferdes irgendeine Rolle gespielt hätten. Da dem nicht so war, beschränkte sich das Mondpferd darauf, völlig par bleu zu sein, obwohl auch dieser Begriff im Leben eines Mondpferdes nur eine sehr geringfügige Rolle spielte. „Aber da drüben steht es doch!“ insistierte es, und Aileen konzentrierte sich einmal mehr auf ihre Atemübungen.

„Da drüben“, und wieder versuchte Aileen, ihrer Stimme ein warmes und langmütiges Timbre zu verleihen, „steht einfach eine sehr verdutzte Katze mit Mütze und Schal.“

Das Mondpferd stand noch immer auf zittrigen Beinen, und da ihm seine Stimme obendrein weiterhin die Zusammenarbeit verweigerte, hüstelte es: „Eben.“

„Außerdem ist Weihnachten ohnehin nur die Erfindung irgendwelcher Beutelschneider“, sagte Aileen – und ihr fiel zu spät auf, dass diese ihre Aussage das arme Hirn des Mondpferdes noch mehr durcheinander bringen würde. Überraschenderweise reagierte besagtes armes Hirn unglaublich schnell, und Aileen – einmal mehr verblüfft angesichts der Beweglichkeit ihres dicklichen Freundes – steckte den Tritt ins Hinterteil mit der Gelassenheit weg, die ihr hohes Alter ihr ab und an zu gebieten schien.

Das Mondpferd hatte sich nun wieder gefangen und blitzte seine Reisebegleiterin aus kohlschwarzen Augen an. „Überall auf dieser Welt wird Weihnachten gefeiert“, dozierte es nun seinerseits mit diesem langmütigen Unterton. „Alle Welt verziert Bäume und packt Kerzen drauf und Geschenke drunter.“

Ein – aus. Atmen. Aileen war da sehr diszipliniert. Nochmal ….  ein – aus… Sie war ja nun schon ein wenig herumgekommen in der Welt. Auch bevor sie das Mondpferd kennen gelernt hatte.

Weihnachten. Na ja…

Jeder nannte es ein wenig anders … letztlich war es doch nur das Fest, das man in der längsten Nacht des Jahres feierte, weil danach das Licht wieder auf dem Vormarsch sein würde….

Oder? Na ja…

Natürlich kannte sich Aileen nicht so gut mit Menschengebräuchen aus… und mit deren Göttern erst recht nicht.

Auf jeden Fall hatte das alles nichts mit kleinen weißen Katzen zu tun, die mit Schal und Mütze auf einem schneebezuckerten Feld standen. Aber Aileen gab sich Mühe. „Pass‘ auf“, sagte sie daher zu ihrem kleinen knubbeligen Freund. „Weihnachten ist ein Fest der Menschen.“ Sie harrte kurz einer Antwort, die aber nicht kam. „Was sollte denn bitte eine Miezekatze mit Mütze und Schal mit einem Menschenfest zu tun haben?“

Huch!

Das Mondpferd stampfte so heftig auf, dass ein paar der wenigen Schneeflöckchen auf dem Feld einen erschreckten Hopser machten.

„Du bist noch nie auf die Idee gekommen, dass es Weihnachten auch für andere Lebewesen geben könnte?“ fragte es mit so viel Herausforderung in der Stimme, dass es nur so rauschte in Aileens Ohren. „Denk‘ doch mal an Deine Königin! Hat die dir nicht auch zu Weihnachten ein paar besondere Leckerbissen in den Trog gelegt? Haben nicht auch die Hunde bei Hofe immer die besseren Stücke bekommen an Weihnachten?“

Ui.

Aileen war – da sie die Bedeutung dieser Redewendung kannte – ganz von den Socken.

Atmen! Ein – aus. Es klappte leider nicht immer. „Kruzinesn!“ schimpfte sie – völlig bar jeglicher Kenntnis des Wortes, aber es klang so schön – „Dann haben wir also demnächst Weihnachtspferde und Weihnachtswölfe, und was… “ – nochmal ein – aus – „was passiert, wenn die Weihnachtsmiez die Weihnachtsmaus frisst?!?!“

Das Mondpferd war nun – ob Aileens so schlagkräftiger Argumentation – doch tatsächlich von den Socken (und hier möchten wir mal betonen, dass das Mondpferd tatsächlich keine Ahnung hatte von Socken jedweder Art…  auch nicht von denen, die man im fernen Westen an Weihnachten an den Kamin hängt).

„Das wird mir doch nun tatsächlich zu blöd!“ sagte das Mondpferd mit einem unangebrachten Hauch von Unhöflichkeit in der Stimme. „Ich geh‘ jetzt da rüber und frage….“

Aileen wollte noch etwas einwerfen, denn sie konnte sich vorstellen, was diese in Bewegung geratene vierbeinige schwarze Kugel gegebenenfalls in den Augen einer verschreckten Katze anrichten mochte…

Aber da war es schon zu spät.

Das Mondpferd hatte die kleine so drollig gekleidete Mieze schon fast erreicht, und Aileen galoppierte – rein der Schadensbegrenzung wegen – hinterdrein. Sie stemmte alle Viere in den Boden, als sie bemerkte, dass die hübsche weiße Katze ob der Annäherung des Mondpferdes keineswegs verschreckt reagierte.

Nein…

Sie sah eher verärgert aus.

Aileen dachte ganz kurz über Weihnachtsmäuse nach…  und näherte sich zögerlich. Sie hatte nicht verstehen können, was das Mondpferd zu diesem scheinbaren Weihnachtsmiez gesagt hatte. Daher kam die Antwort um so unverhoffter, und Aileen setzte sich vor Schreck (und Lachen) fast aufs Hinterteil…

„Seid ihr bescheuert?“ fragte nämlich die schneeweiße Katze mit den grünen Augen aufgebracht. „Das haben mir die Kinder angezogen, weil ich besser laufen kann als ihre Puppen!“