Die „Polster-Bande“

An einem kühlen aber sonnigen Morgen stehe ich im hübsch möblierten Hof des Hotels „Polster“ in Kosbach und genieße meine Frühstückszigarette samt eines wunderbaren Cappuccino. Drinnen wartet ein nicht minder wunderbares Frühstücksbuffet auf mich, und da der gestrige Tag mir heute einen freien Tag schenkt, träume ich von Lachs und Prosecco.
Beschwingt betrete ich den Frühstücksraum, gebe brav meine Tasse ab und bitte um einen weiteren Cappuccino. Mein Prosecco steht auch schon da, also nehme ich mir Zeit für das herrliche Buffet. Ein kleines Vollkornbrötchen, ein wenig Lachs, etwas Meerrettichsahne…
Beladen mit meinen Schätzen balanciere ich hinaus in den Hof. Mein Cappuccino wurde bereits gebracht.
Da steht er! Ganz still steht er da, wie eine kleine Statue wirkt er auf mich.
‚Sportlich‘, denke ich mir und spreche ihn natürlich sofort an.
Ich bin ganz verdattert, denn nicht jeder Kater reagiert spontan auf fremde Menschen. Dieser hier schon. Das hübsche rotgetigerte Wesen bestätigt beim Ohrenkraulen sofort meinen ersten Eindruck. Richtig sportlich ist er. Rank und schlank. Ein hübscher Bursche! Und kommunikativ obendrein. Ich schaue, ob auch ja keiner schaut, und gebe ihm ein Fitzelchen Lachs.
Das findet er prima.
Ich auch.
Dann bekomme ich Gesellschaft. Eine Dame aus Norddeutschland kommt zum Frühstück herunter, und da sie wohl meine Komposition ansprechend findet, nimmt sie sich so etwas auch. Lachs und Prosecco.
Das scheint dem rotgetigerten Kerlchen nicht minder zu gefallen, und er übt sich auch ihr gegenüber in höflichem Parlieren.
Die Dame, die heute den Frühstücksservice managt, guckt uns warnend an. Das ist mir etwas peinlich. Doch meine Frühstücksgesellin aus Norddeutschland ist da weniger genant und fragt nach dem ‚warum‘.
Der ‚Rote‘ ist ein Schnorrer, erfahren wir. Der unverschämtere der ganzen Clique.
Da horchen wir beide auf und nippen – unsere Neugier so verbergen wollend – an unseren Proseccogläsern.
Der Rote ist nämlich gar nicht alleiniger Herr des Hauses. Vier Miezekatzen hat man hier vor dem Ersäufen gerettet. Von den geretteten Hunden ganz zu schweigen.
‚Unfassbar!‘ denken wir. Die Dame vom Buffet, die Dame aus Norddeutschland und auch ich.
„Darüber würde ich gerne mal eine Geschichte schreiben“, plappere ich ganz unbefangen.
„Über die Polster-Bande!“ lacht die Dame aus Norddeutschland ebenfalls ganz unbefangen.
Nicht minder unbefangen hat sich der sportliche, stramme Rote ein Fitzerl Lachs nach dem anderen von uns füttern lassen. Das lief einfach so nebenbei während des Gesprächs.
„Ja“, sage ich dann irgendwann. „Das wäre eine tolle Geschichte.“
Der rote, sportliche Kerl hat sich inzwischen verzupft. Unser Lachs ist alle, da hat er keine Gründe mehr für weitere Höflichkeiten.
Wenn Sie mal im „Polster“ sind, grüßen Sie doch bitte den charmanten Burschen von mir!

Anne Johann, 2015