Highlight

Highlight_0_6UhrSechs Uhr

Die Welt bestand aus Duft und Schatten.

Das kleine Wesen verstand nicht, was da gerade passiert war. Es war etwas außergewöhnliches, etwas ungeheuerliches, etwas einmaliges passiert. Alles weitere Verstehen lag jenseits der Grenzen des winzigen Bewusstseins.

Und doch war da etwas. Ein Drang. Nach… Luft. Noch kannte das kleine Wesen diesen Begriff nicht, aber ein Funke ganz weit hinten im eigenen Nicht-Bewusstsein sagte ihm, dass es wichtig war. Was? Luft? Das kleine Wesen spürte es, es roch es, es sog es ein. Und was immer es sein mochte, es war gut, es tat gut. Und das kleine Wesen sog Luft ein, verspürte etwas in seinem Inneren… und stob dieses unbekannte Ding wieder aus. Es war gut… dieses Einsaugen und wieder Ausstoßen… und es brachte diesen Duft mit sich. Das kleine Wesen konnte noch nicht genau verstehen, was es da tat, und welche Eindrücke da wirksam waren. Aber es war ein schönes Gefühl… es fühlte sich so… lebendig an. Das, wovon das kleine Wesen später erfahren würde, dass es allgemein als Atmen bezeichnet wurde, verblasste im Bewusstsein, denn offensichtlich funktionierte es auch problemlos, ohne dass man sich sonderlich darauf konzentrieren musste.

Also verlegte das kleine Wesen seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge.

Da war etwas unter ihm. Der Duft. Ja, daher kam dieser Duft. Nun ja, jetzt, da das kleine Wesen etwas mehr Zeit hatte…. es waren so viele Düfte hier.

Hm.

Aber dieses eine Ding, dieser eine Duft….

Aha!

Druck war das, Druck von unten! Das kleine Wesen war ja nicht blöd! Ha! Es lag auf etwas, und dieses Etwas duftete! So! Wieder ein Rätsel gelöst. Es lag also auf etwas Duftendem, und wenn es kleine Bewegungen machte, dann machte dieses duftende Etwas ein Geräusch.

???

Bewegung? Geräusch? Das kleine Wesen war ausgesprochen verwirrt. Es bewegte sich? Es sich selbst?

Ui!

Es hörte? Aber hallo!

Das kleine Wesen war um so mehr verwirrt. Da waren ja… Dinge (?) an ihm dran! Fühlende Dinge, riechende Dinge, hörende Dinge. Sich bewegende Dinge!

Oh je!

Das kleine Wesen war zwar immer noch mehr als nur ausgesprochen verwirrt, aber es wurde langsam auch ein bisschen sauer. Das hätte man ihm ja auch mal etwas früher sagen können, oder?! Wie sollte es denn jetzt all das unter einen… ähm…. ja was denn …. kriegen???!!!

Ein neuer Eindruck drängte sich ins Bewusstsein, bevor das kleine Wesen seinem Ärger richtig Luft machen konnte. Der neue Eindruck war ziemlich groß… nein, er war riesig, und irgendwie und auf unerklärliche Weise füllte dieser neue Eindruck das Bewusstsein des kleinen Wesens komplett aus. Was ja nicht besonders schwierig war, da das Bewusstsein des kleines Wesens noch keine nennenswerten Formen angenommen hatte… Doch bevor das kleine Wesen sich über die Unzulänglichkeit des eigenen Bewusstseins klar zu werden begann, kam seitens dieses riesigen Schattens noch ein anderer Eindruck hinzu. Das große, dunkle, schattenhafte Etwas hatte ein wenig mehr Substanz als erwartet und bewirkte nun wiederum Druck … von oben … in fließenden, freundlichen Bewegungen… Das kleine Wesen empfand dies als ausgesprochen angenehm. „Willkommen auf dieser Welt“, sagte der riesige Schatten über dem kleinen Wesen und übte weiterhin diesen massierenden, angenehmen, rhythmischen Druck aus. Später würde das kleine Wesen erfahren, dass man dies als „Ablecken“ bezeichnete.

Da war plötzlich noch eine andere Erfahrung, die das kleine Wesen machte. Ein merkwürdiges Gefühl…. (?) War es tatsächlich ein Gefühl?

Bald würde man ihm beibringen, dass dieses Gefühl „Hunger“ genannt wurde. Aber für das kleine Wesen bedeutete es zunächst etwas anderes. Es bedeutete nämlich, dass all diese „Dinge“, über die es sich so gewundert hatte, tatsächlich zu etwas taugten und dementsprechend eingesetzt werden mussten.

Diese vier langen wackeligen Stöckchen… huh…ja… man konnte darauf balancieren. Mühsam! Hoppala, mühsam, sehr mühsam, auf dieselben überhaupt hinaufzukommen! Aber dann war es recht lustig. Wackelig, aber lustig! Und dieses Ding, dieses Ding, das immer die Gerüche wahrnahm… Hach! Wenn man es zu schnell herum schwang, fiel man dabei wieder um!!! Und da waren noch die Geräusche! Diese kleinen Dinge da oben, die immer alles auffingen, ob man es wollte oder nicht. Dann musste man sich doch umdrehen, und prompt…. purzelte man wieder dahin, woher man sich grade so schwer aufgerappelt hatte. Von den kleinen Kugeln, die mittlerweile mehr als nur Schatten sahen, wollte das kleine Wesen erst gar nicht reden. Sobald man sie verdrehte, stand die kleine duftende Welt Kopf, und man fiel aufs Maul.

Achja, Maul! Das wenigstens war für etwas gut… Also keine falsche Bescheidenheit an den Tag legen…

Und als das kleine Wesen sich endlich auf diesen seltsam wackeligen Stöckchen so in Position gebracht hatte, das dieses „wenigstens für etwas gute“ Maul die richtige Position hatte, um das, was später als „Hunger“ definiert werden würde zu stillen, da wusste das kleine Wesen, dass seine Welt sehr bald aus mehr bestehen würde als nur aus Duft und Schatten.

Anne Johann, April, 2012

Highlight in memoriam