Schlitzohr

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Wer „Aileen und das Mondpferd“ gelesen hat, der weiß, dass Schlitzohr ein Freund des Mondpferdes ist, und dass letzteres ihn gerne als „bajuwarischen Ochsen“ bezeichnet. Und wenn man Schlitzohrs Memoiren gelesen hat, versteht man sicher auch, warum….
Viel Spaß bei dieser kleinen Kostprobe.

„Schwarzbier – Aus dem Leben eines Kaltbluts“

Kapitel 1 – Der Franzose

DAS war ja wohl nicht wahr!

Oh, nein!

DAS war nicht wahr!

Da stand er, dieser kleine knubbelige schwarze Kerl! Und bewunderte sich im Spiegel!

Hallo?

Schlitzohr war völlig außer sich. Endlich seine abendliche kleine Runde in der Halle! Die einzigen dreißig Minuten am Tag, die er jetzt im Winter aus seiner Box durfte. Und dann stand da ein Fremder?!?!

Besagter Fremde zuckte kurz zusammen und machte einen beeindruckenden Hopser, als die Bandentür aufflog und Schlitzohr in die Halle stürmte.

‚Ha!‘ dachte Schlitzohr, doch der Kleine bewies Chuzpe.

„Bonsoir, Monsieur“, sagte der kleine Rappe nämlich, und wenngleich Vorsicht – oder gar Angst – in seiner Stimme schwang, fuhr er fort: „Du bist also der Typ von drüben?“

Schlitzohr war so verdattert, dass er automatisch sagte: „Freilich, und wer bist nocha du?“

Der kleine Fremde hatte sich etwas gefangen – immerhin waren da noch mehr als zwanzig Meter Sicherheitsabstand zu diesem braunen Koloss – und antwortete ordentlich: „Mein Name ist Maurice.“ Er stockte kurz, als er im Gesicht seines Gegenübers keinen Schimmer von Interesse sehen konnte. „Ich bin seit November hier… “

Schlitzohr kommentierte das mit keinem Wort. Draußen an der Bande standen zwei Menschen und beobachteten sie erwartungsvoll. Sein Mensch, und  dann wohl der Mensch des stubsigen Schwarzen.

„Ähm“, fuhr eben dieser etwas nervöser fort, „natürlich sagt hier keiner ‚Maurice‘.“ Er zeigte kurz ein klitzekleines Lächeln. „Alle sprechen es ‚Morris‘.“

Schlitzohr zeigte sich ob der höflichen Vorstellung des Kleinen wenig beeindruckt. „Des is ma fei so wurscht!“ konstatierte er. „Was machstn du grad a jetzt do in meina Hoin?“

Der kleine Rappe legte den Kopf schief und stellte seine Ohren hektisch auf und ab und links und rechts. „Pardon“, sagte er schließlich mit leiser Stimme, „das habe ich nicht ganz verstanden. Ich bin mit dem hiesigen Dialekt noch nicht recht vertraut.“

Schlitzohr machte einen solch mächtigen Schritt in die Halle hinein, dass der kleine Störenfried vor Schreck noch ein paar Schritte zurückwich. Oh weh, irgendwo da hinten würde die Halle aufhören. Dann stünde er mit dem Rücken zur Wand..  nun ja, mit dem Hinterteil…

„Was host g’sagt?“ fragte der große Braune, der eigentlich ganz friedlich und freundlich und… ja fast schon niedlich aussah mit seiner lustigen kleinen Schnippe, die so schief über der Nase saß….  und jetzt, da er wütend den Kopf schüttelte und dadurch seinen Stern auf der Stirn freilegte…

‚Ja‘, dachte sich Maurice, der immer „Morris“ genannt wurde, weil man hier in der Gegend eben kaum Französisch sprach, ‚das ist ein formidabel aussehender Kerl!‘

Der formidabel aussehende Kerl scherte sich ein feuchtes Schweifhaar um die Gedanken seines Gegenübers.

„Woast“, sagte er und machte noch einen Schritt nach vorne, „den Dialekt brauchst a goa ned vasteh ned! Ausm Weg gehstma. Hostmi?“

Der kleine Schwarze ‚hatte‘ natürlich gar nichts. Denn den Dialekt des Braunen verstand er nach wie vor nicht. Aus dem hiesigen Sprachraum kam der Knabe jedenfalls nicht.

Oh je, dachte sich das schwarze Kerlchen, und in seinem Hirn ratterte alles, was er je an menschlicher Sprache aufgeschnappt hatte.

Was in Zusammenhang mit Pferdesprache ja nun nicht gerade hilfreich war!

Er verlegte sich auf sein diplomatisches Geschick, dessen er – so weit er sich erinnern konnte – niemals gerühmt worden war …  aber es war ja nie zu spät, neue Talente zu erkunden.

„P..pp..ppp..pass‘ mal auf“, sagte er und kullerte ganz liebenswürdig mit den Augen, „wir müssen doch keine Feinde sein…“

„Geh weidda!“, schnauzte Schlitzohr. Dies war seine – SEINE – halbe Stunde! Und der depperte Depp machte auf Smalltalk!

„Kann ned“, sagte der Kleine da sehr zu Schlitzohrs Überraschung.“ Steh mim Arsch schon an der Bande… “

Schlitzohr brach in schallendes Gelächter aus. Er tanzte herum, wieherte, bewunderte sich selbst in dem riesigen Spiegel, der die Längsseite der Halle zierte…

Der Kleine war völlig außer sich.

Schlitzohr machte ein paar sehr zielstrebige Schritte auf den so genannten Störenfried zu, schubste ihn sehr unsanft an der Nase an und sagte: „Und was mach‘ ma jetzat?“

Maurice guckte erschrocken – ihn hatte fast der Herzschlag getroffen! Er musste erst ein paar Mal tief ein- und ausatmen. Schließlich hatte er sich gefasst und retournierte den groben Nasenstüber sehr sanft.

„Kulturaustausch“, schlug er vor.

Schlitzohrs Ohren tanzten Samba. „Kulturaustausch?“ fragte er. „I hob koa Ahnung ned, was d‘ jetzt do moanst, probia mas aus?“

Der kleine schwarze Kerl namens Maurice – der aufgrund sprachlicher Unzulänglichkeiten immer Morris gerufen wurde –  war unendlich erleichtert. „Ich zeig’s dir“, sagte er und bewegte sich sicheren Schritts von der Bande weg in Richtung der Hallenmitte. „Komm‘ einfach mit!“

Schlitzohr folgte aufgeregt. „G’herd Aoschbeissa a dazua zu deim ‚Kulturaustausch‘?“ fragte er fröhlich.

Maurice brachte sein Hinterteil mal vorsichtshalber außer Bissweite, obwohl er das Gesagte nicht auf Anhieb verstanden hatte. „Nicht gleich“, sagte er mit dezenter Hektik in der Stimme. „Nicht gleich!“

***

Eines hat Schlitzohr von seinem französischen Freund gelernt: die Freude am Leben!

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