Spatzen-Tagebuch

Spatzen-Tagebuch

20.09.

„Guck mal“, sagt mein Kollege zu mir, und ich beachte ihn gar nicht. Er ist einer von den Wichtigtuern, einer von den Ich-weiß-alles-Typen, die man morgens vor dem Frühstück echt nicht braucht.

„Guck mal!“, sagt aber mein Kollege nochmals und mit viel mehr Vehemenz in der Stimme. Also gucke ich… ihn an. Das macht ihn wütend. „Nicht mich!“, schnauzt er. „Dort!“

Also gucke ich dorthin, und mich trifft fast der Schlag!

„Hä!“, lacht mein Kollege.

„Blaumeisen“, säusele ich, und mir bleibt dabei die Spucke weg.

„Sag‘ ich’s nicht?“, raunt mein Kollege.

„Die Kohlmeisen sind auch schon da“, stelle ich fest, während mich die Ohnmacht schon ummantelt.

 

23.09.

„Rosine“, sagt mein Kollege, bevor er selbige an eine Meise abtreten muss. Alles geht so schnell, dass ich nicht mehr sehen kann, ob es nun eine Kohl- oder Blaumeise gewesen sein könnte.

 

28.09.

„So geht das nicht weiter“, konstatiert unsere Matrone. Damit hat sie recht, aber was sollen wir machen? „Die Meisen haben das Regiment übernommen“, sagt die Matrone. Ganz toll, das wussten wir doch bereits. „Sie sind schnell, sie sind schlau.“ Danke Mama, auch das wussten wir. „Wir werden nach Verstärkung schicken!“ Wow! Das klingt nach einem Plan!

 

01.10.

Die Mannschaft von Cousin Schorschi kommt zuerst. Nun sind wir schon zu zehnt. Aber auch die Meisen haben ein offensichtlich gutes Kommunikationsnetz. Inzwischen sind es drei Blau- und vier Kohlmeisen.

„Sauba de Hoar kampet“, sagt Cousin Schorschi und guckt sich die Peripherie erst mal in aller Ruhe an.

 

03.10.

Die Konferenz, die unsere Matrone in der Weide abhalten wollte, gerät schon aus den Fugen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Dennoch kommt endlich mal einer zur Wort. Wen wundert’s? Cousin Schorschi!

„Ois kaa Probleem“, plustert er sich auf. „Do is a so a Oidi zuazogn, die was oafach ois an Fuada nausschmeisst. Zum Schaaugn, wea do ois daheakimmt, vastääshst?“

„Ja, aber die Konkurrenz?“ widerspricht mein besserwisserischer Kollege.

Der Schorschi guckt ihn schräg an. „Woos a echta Spaatz is, der lässt si ned vunnara Konkureeenz vum Platz treibm!“. Man hört dem Schorschi heute noch an, dass er aus Wien stammt. „Matrona, na sammelst hoid a moi daa Bagaaage zam, no werd des scho!“

 

10.10.

Und „wor’n is“, so würde es zumindest Schorschi ausdrücken. Die „Oide“, von der Cousin Schorschi geredet hatte, füttert uns sehr gut.

Dumm nur, dass auch das Meisenpack seinen Anteil daran erhält.

Doch weitere Unterstützung naht in Form der Frankenbande. Der Geoach ist ein wirklich netter Kerl, und wir heißen ihn und seine Recken im Weidengebüsch herzlich willkommen.

 

12.10.

„Allmechd!“, sagt der Geoach am Morgen und beguckt sich die Blaumeisen. „Die hamman solchn bladdn Hindagobf, dass ma se eigndlich für bleed haldn müssd.“ Ich mag seinen Akzent. „Aba die sin echd vablüffnd schlau, die klaana Safdseggla.“

 

14.10.

Die Hessen kommen! Na, das kann ja heiter werden. Der Schosch (nicht zu verwechseln mit dem Schorschi!) ist einer von der alten Garde. Kampferprobt und zerzaust, aber immer charmant. „Alde“, sagt er zu unserer Matrone und macht einen kleinen Diener, „hier hasde abe oandlisch de Dregg im Schäschdelsche.“

Die haben’s auch nicht so arg mit den harten Konsonanten, stelle ich verblüfft fest.

 

15.10.

Da ist so ein komisches Ding im Garten. Habe es gestern gar nicht mehr gesehen. Drei Beine aus Birkenholz, darauf ein rechteckiges Etwas mit Rietdach in Giebelform. Hmpf. Vogelhäuschen nennen das die Menschen wohl.

Spatz-o-Spatz! Einflugschneise? Nix! Landeplatz? Ungenügend! Das Futter drinnen scheint sehr lecker zu sein… sagt meine Nase!

Jaaaaaaaa, meine Herrschaften! Auch Vögel haben Nasen!!!

Aber der Anflugswinkel…!?!

Mist!

Die Meisen haben es kapiert! Was mache ich falsch?

 

16.10.

Ich krabbel‘ grad so unverzagt am Morgen aus dem Weidengebüsch heraus und gucke ihm direkt ins Auge!

Scheiße!

„Der Eichelhäher ist da!“, schreie ich mit aller Kraft meiner kleinen Seele. Aber ich habe Glück, alle meine Kollegen schreien mit. Doch der bunte Krähenvogel schert sich um uns gar nicht, der fliegt direkt auf’s gut bestückte Vogelhäuschen zu.

„Allmechd“, stöhnt der Geoach, „der Riesengerle bassd da echd nei….“

 

17.10.

Irgendwo am anderen Ende der Welt gibt es Vögel, die heißen wohl Kolibris und können in der Luft stehen. Sagt wenigstens der gebildete Schorschi aus Wien. Im ersten Moment kapiere ich nicht ganz, was das mit dem Eichelhäher zu tun hat, der mittlerweile sogar die Lady seiner Wahl mitbringt. Hat es nicht, erfahre ich sogleich. Es geht um die Einflugschneise. ‚Aha‘, denke ich mir und suhle mich im selbstmitleidigen Bewusstsein, irgendetwas verpasst zu haben.

 

18.10.

Am späten Vormittag habe auch ich es endlich begriffen. Das Vogelhäuserl ist so deppert gebaut, das wir Spatzen es nicht von oben her anfliegen können. Wir sind dafür nicht wendig genug. „Liechd anda Bauaad“, sagt der Geoach, macht es vor und fällt aufs Maul. Ähm… den Schnabel. Ich schaue eine Weile beim Training zu, welches Schorschi und Geoach gemeinsam leiten. Von unten aufsteigen, kurz in der Luft stehen, vorwärts einparken.

 

19.10.

‚Die Meisen sind viel schlauer‘, denke ich mir an diesem Morgen ganz verschlafen. Die hopsen einfach auf eine Plattform geeigneter Höhe und sausen schnurstracks hinein ins Futterparadies. Etwas weniger verschlafen stelle ich dann fest, dass die Meisenknödel, die seit gestern in der Konifere hängen, sowohl von den Eichelhähern als auch von zwei… – hier schlucke ich heftig – … Buntspechten frequentiert werden.

Das ist nun doch zu viel für meine kleine Spatzenseele, und so ziehe ich mich deprimiert ins Weidengebüsch zurück.

 

20.10.

„Ei, guude wie?“, fragt mich der Schosch in aller Herrgottsfrühe, und ich hau‘ ihm eine aufs Maul, bevor er „Wo machsdn hie?“ fragen kann. Da ist er beleidigt. Befriedigt fliege ich einen Meisenknödel an und fahre Karussell. Mir ist schon schlecht, bevor ich den ersten Bissen nehmen kann. Am Knödel oberhalb hängt eine Blaumeise, pickt und frisst fröhlich und dreht sich sanft im Morgenwind. „Des sin Granaadnagrobaadn“, konstatiert der Geoach, der sich auf einem Ast der Konifere das Gefieder putzt. „Solld’ma deene klaane Flachgöbbfle echd ned zudraun.“ Die Blaumeise wirft ihm eine Unverschämtheit an den Kopf und macht sich von dannen.

 

25.10.

Tatsächlich haben alle meine Kollegen begriffen, wie man dieses Vogelhäuschen anfliegen muss. Einige der Jüngeren bilden ganze Geschwader, erobern das Ding und verteidigen es, bis auch der Rest der Meute sich gütlich getan hat. ‚Teamwork‘, würde mein Freund Georgie das nennen, aber den hat leider in jungen Monaten schon eine Katze erwischt.

Ich selber konzentriere mich auf die Knödel und lerne Karussell fahren. Die kleine Blaumeise von neulich sagt doch glatt heute „Schöner Tag, was?“ zu mir. Ich bin baff und plumpse in die Konifere.

 

30.10.

Jetzt haben wir’s im Griff! Manche sind ganz stolz auf ihren Kolibri-Anflug, manche machen es auf Meisenart… manche warten auch einfach unten in der Wiese, bis von oben was runterfällt. Aber WIR haben es im Griff. WIR bestimmen die Futterzeiten. WIR geben den Ton an. Futter gibt es genug. Für uns, für die Meisen, für die Eichelhäher, für die Buntspechte. Selbst Rotkehlchen und Dompfaffe und Rotschwänzchen können wir immer zum Essen einladen.

 

31.10.

„Des wead a gansa heallicha Winda“, sagt der Geoach verträumt in den Sonnenuntergang hinein.

‚Ja‘, träume ich im Geiste mit. ‚Ganz bestimmt!‘

 

 Anne Johann, 2015

Damit allerdings hat die Spatzenbande dann auch nicht gerechnet…

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